Die bewegten Zeiten, in denen wir leben, lassen über vieles nachdenken, was einst noch selbstverständlich war. Zeit also, sich die Frage zu stellen, ob Noten wirklich noch pädagogisch wertvoll sind.
Schülerinnen und Schüler sind psychisch immer gestresster. Das ergaben gleich mehrere deutsche Studien in den letzten Jahren. Eine Forsa-Studie attestierte 2018 bereits 30 Prozent der Schüler*innen ernsthaften Leistungsdruck1 – und das vor der Corona-Pandemie. Die neusten PISA-Ergebnisse beziffern die Zahl der Jugendlichen, die „ängstlich“ oder „bedrückt“ im Unterricht sind, auf 14,8 bzw. 16,8 Prozent. 2Und auch der aktuelle Kinder- und Jugendbericht der DAK verzeichnet einen immer größer werdenden Andrang auf die Kinderpsychatrie, gerade was Depressionen angeht. 3
Auch wenn es sicherlich viele Faktoren für diese Entwicklungen gibt; in der Schule sind Schulnoten unbestritten eine der größten Stressverursacher. Es ist also an der Zeit, einmal ihrer Funktion nachzugehen.
Die Funktion von Schulnoten
Noten gibt es schon sehr lang – im europäischen Raum mindestens schon seit 450 Jahren. Damals führten Klöster strenge Zensurensysteme (censura= Kritik, Rüge) für ihre Schulen ein, vor Allem zur Disziplin. 4Auch jetzt, im 21. Jahrhundert, sollen Noten bestimmte Zwecke erfüllen. Damals wie heute wichtig ist hierbei die Motivationsfunktion. Schüler*innen sollen so dazu gebracht werden, dem Unterricht intensiver zu folgen und sich zu benehmen. Außerdem bedeutend ist der Kontrollaspekt, denn Noten dienen gerade Eltern dazu, den Lernerfolg ihrer Kinder zu überprüfen. Auch die Selbstkontrolle der Lehrkräfte kann über Noten erfolgen, die ein Indiz dafür sind, wie gut der Lernstoff vermittelt wurde.
Nicht zu unterschätzen ist eine Funktion, die wahrscheinlich den meisten Stress auslöst – die Selektion durch Schulnoten. Denn wer ein gutes Zeugnis hat, gilt als geeigneter für Gymnasium, kann studieren und verdient traditionell betrachtet später auch durch weniger körperliche Arbeit mehr Geld. Kommt man hingegen nicht gut mit dem Schulstoff klar und kann nicht mit passablen Noten glänzen, entspricht man damit eher nicht den gesellschaftlichen Ansprüchen und hat es durch Real- oder Hauptschulabschluss im Arbeitsleben schwerer – auch gesundheitlich betrachtet. In der Wissensgesellschaft Deutschland, in der immer mehr Jugendliche das Abitur anstreben, wiegt dieser Umstand definitiv schwer.
Ein Schulweg ganz ohne Noten – und mit leichterem Gepäck?
Es ist also kein Wunder, dass sich viele Leute fragen, ob wir in 2024 wirklich noch Noten brauchen, oder insgesamt Bildung neu denken müssen, als Förderung der Neugier, und nicht des Frustes. Blickt man dabei auf alternative Schulformen, hat man durchaus auch Beispiele, die zeigen, dass es ohne Noten gehen kann. In Deutschland sind da wohl die Waldorfschulen das bekannteste Beispiel. Hier gibt es Noten für alle erst in den Abschlussklassen, ein verpflichtendes Sitzenbleiben ist nicht möglich. Und obwohl die Lehrkräfte genau dadurch nicht mehr das Werkzeug haben, um die Lernenden motiviert zu halten, funktioniert der Unterricht; vielleicht sogar genau deswegen. Denn so muss man sich andere pädagogische Mittel einfallen lassen, um für Motivation und Disziplin zu sorgen. Dies gelingt durch praxisnäheren Unterricht, gemeinsames Kochen, Gymnastikübungen oder auch Nähen. Das Konzept Waldorfschule – allgemein oft verspottet, funktionier. Und das schon seit 105 Jahren.
Aber wird man ohne Noten denn wirklich auf das Berufsleben vorbereitet, dass ja schließlich auch geprägt von Kontrolle, Ordnung und Verpflichtungen ist? Nun, zumindest spricht nicht viel dagegen, denn wo es in Waldorfschulen vielleicht weniger auswendig zu Lernendes gibt, werden viel mehr soziale Kompetenzen gelernt, die ebenso wichtig für das spätere Leben sind. Andere Ländern kennen derweil gar keine Noten. Beispielsweise Finnland, dessen Schüler*innen bei internationalen Vergleichen zu den gebildetsten gehören.
Natürlich hat sich auch die Wissenschaft bei dieser Frage schon eingemischt, und mittlerweile haben sich zahlreiche namhafte Forscher*innen zur Notwendigkeit von Noten geäußert. Das Ergebnis: eigentlich gibt es keine. Denn Noten sind – wie in einem Team um den Pädagogen Hans Brügelmann 2006 herausgefunden – weder objektiv oder personenunabhängig. 5Ferner spielt bei der Notengebung die Herkunft der Schüler*innen immer noch eine große Rolle. Diese starten schon mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schulzeit. Und auch das Lehrpersonal nimmt teilweise ganz unbewusst Äußerlichkeiten wie einen Migrationshintergrund mit in die Bewertung hinein. Eine ganz unabhängige Leistungsmessung ist also unerreichbar – finden auch die Herausgeber der 2012 von der Vodafone-Stiftung veröffentlichten Studie rund um soziale Ungleichheiten in der Schule. 6
Zukunft wagen
Es lohnt sich im Leben immer, das Aktuelle in Frage zu stellen und nach neuen, besseren Lösungen zu suchen. So auch bei Notenthematik. Und so spricht viel dafür, die objektifizierte Leistungsmessung durch Zahlen, die bei den Jüngsten in unserer Gesellschaft so viel Druck hervorrufen kann, intensiv zu hinterfragen. Denn schlussendlich lernt man nicht für Noten. Man lernt fürs Leben.
- https://www.deutschlandfunk.de/forsa-umfrage-psychologin-druck-auf-schueler-hat-zugenommen-100.html ↩︎
- https://www.waxmann.com/index.php?eID=download&buchnr=4848 ↩︎
- https://www.dak.de/dak/bundesthemen/fast-jeder-zweite-schueler-leidet-unter-stress-2116176.html#/ ↩︎
- https://www.pm-wissen.com/seit-wann/a/seit-wann-gibt-es-schulnoten/1013/ ↩︎
- https://grundschulverband.de/wp-content/uploads/2017/03/neu_kurz_expertise.pdf ↩︎
- https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2019/06/herkunft_zensiert_2012.pdf ↩︎


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