Millionen Menschen gehen derzeit in ganz Deutschland auf die Straße. Von Aachen bis Zwickau demonstrieren sie gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung, gegen die sogenannte „Remigration“, und für ein Leben in bunter Gemeinschaft und Toleranz. Bei all den Rufen nach mehr Zivilcourage möchte ich auf ein Netzwerk schauen, das gerade jetzt an Bedeutung gewinnen könnte; „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Was verbirgt sich hinter diesem Spruch? Und wie wirksam ist das Schulnetzwerk eigentlich? Eine Einordnung.
Inhalt:
- Was ist „Schule ohne Rassismus“?
- Wie wird man Courage-Schule?
- Meine Erfahrungen mit dem Netzwerk
- Gespräch mit Ingo Ostwald – Lehrer und „Schule-ohne-Rassismus“-Experte
Was ist „Schule ohne Rassismus“?
Gegründet wurde das Schulnetzwerk vom Verein „Aktion Courage e.V.“, mit dem Ziel Rassismus und Diskriminierung aller Art in unserer Gesellschaft zu bekämpfen. In der Schule heißt das, sich gegenseitig zu respektieren, so wie man ist, aber auch gemeinsame Werte zu finden, auf die man sich im Zusammenleben einigen kann. Die Mitgliedsschulen verpflichten sich dazu, gegen Diskriminierung im Alltag vorzugehen. Mit AGs, Kunstausstellungen, Workshops, aber auch mit dem Bewusstsein der Lehrkräfte, wo Meinungen aufhören und wo Rassismus anfängt. Mittlerweile sind über 4.300 Schulen in allen deutschen Bundesländern Mitglied im Netzwerk.
Wie wird man Courage-Schule?
Um eine „Schule ohne Rassismus“ zu werden, muss man eigentlich nur drei formale Aufnahmekriterien erfüllen.

Meine Erfahrungen mit dem Netzwerk
Um einen näheren Blick auf die Wirkung des Netzwerks zu werfen, werde ich in den folgenden Zeilen mal ein bisschen von meinen Erfahrungen damit berichten. Bis vor einem halben Jahr bin ich selbst auf eine Schule ohne Rassismus gegangen. Die Schule ist relativ groß, hat über 1.200 Schüler*innen, und nicht nur sind in der Gesamtschule alle drei Schulzweige vertreten; auch eine gymnasiale Oberstufe gibt es. Um das Projekt an sich kümmert sich die Schüler*innenvertretung, und zwar komplett. Na ja, eigentlich. Denn in Wahrheit ist seit Beginn der Mitgliedschaft 2019 nach der offiziellen Zeremonie mit dem Bürgermeister als Projektpaten fast nichts mehr passiert. Die Schüler*innenvertretung der SV war absolut überfordert mit dem Projekt, und außer ein paar kleineren Aktionen, für die es eigentlich keine Mitgliedschaft gebraucht hätte, blieb weitestgehend nur das Schild am Haupteingang Zeichen für unsere Abkehr zu Rassismus für und unsere Toleranzbereitschaft als Schule.
Meine Schule ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Im Landkreis, in dem sich diese Schule befindet, gibt es noch drei weitere Schulen, mit den ähnlichen Problemen: niemand fühlt sich richtig verantwortlich, und so wird das Projekt nicht als Selbstverpflichtung angesehen, sondern als Siegel, als feststehendes Prinzip Antirassismus, im Endeffekt also als ein erreichtes Ziel und nicht als eine Aufgabe, der man dauerhaft nachgehen muss.
Nennen wir das Kind beim Namen!
Blicken wir mal ganz trivial auf den Namen, so ergibt sich eigentlich direkt schon ein Missverständnis: denn eine „Schule ohne Rassismus“, also ein Raum, in dem grundsätzlich keine Form von Diskriminierung geschieht, gibt es natürlich gar nicht. Problematisch wird dies, wenn sich Schulen das Schild einfach so ans Gebäude kleben, und damit ihr Eintreten gegen Rassismus schon als getan ansehen. Denn das Schild ist ein Zeichen der Selbstverpflichtung, grundsätzlich und fortwährend für Toleranz einzustehen, es ist keine Auszeichnung für ein gutes Schulklima. Gerade dieser Umstand hat schon einige Diskussionen hervorgerufen und löst bei manchen sogar das Gefühl aus, allein durch den Namen könne das Schulnetzwerk seinem Ziel gar nicht gerecht werden – Aufklärung und Safe Spaces zu verbreiten. Ich empfehle daher, den Namen einfach zu ändern. Wäre „Schule gegen Rassismus – Schule für Courage“ nicht viel eher tagtäglich beim Passieren des Schilds mit dem Thema konfrontiert, als eine Schule ohne Rassismus?
Es fehlt an Basisarbeit!
Das Schulnetzwerk, welches das bekannteste und größte Deutschlands ist, wird gerade immer größer und erreicht dabei auch immer mehr Schulen. Das Ganze läuft aber gleichzeitig auch immer mehr Gefahr, unübersichtlich zu werden. Schon jetzt erreichen „Landes-“ oder „Bundestreffen“ nur einen Bruchteil der Schulen, und eine echte Vernetzung, die ja so nötig wäre, findet gar nicht statt. Gegenseitige Unterstützung fehlt also, und schließlich kann es sehr gut vorkommen, dass eine Schule bei Fällen von Diskriminierung gar keine außerschulische erhält oder sie nicht wahrnimmt, im Zweifel also gar nicht vom Netzwerk profitiert.

Was muss sich also ändern?
Auch wenn sich meine Kritik am Schulnetzwerk vielleicht etwas harsch liest, darf sie keinesfalls falsch verstanden werden. Grundsätzlich bin ich ein sehr großer Unterstützer davon, gemeinsam etwas gegen Diskriminierung in unserem Land zu tun. Gerade angesichts des Erstarken rechtsextremer Parolen ist es wichtiger denn je, dass an Schule ein respektvoller Umgang gepflegt wird. Und genau deswegen darf „Schule ohne Rassismus“ nicht sterben, sondern muss viel mehr noch effektiver in seiner Arbeit werden. Während die Bundeskoordination zahlreiche Publikationen herausbringt und Projekte abschließt, darf schlichtweg die Basis nicht vergessen werden, also die Schulen.
Doch wie ist das möglich? Eine sehr hilfreiche Ebene in der Hierarchie der „Koordinationen“ ist die Regionalkoordination. Diese können Personen einnehmen, die für regional tätige Organisationen des öffentlichen Rechts tätig sind. Also beispielsweise für Bildungsstätten, Museen, aber auch für Zentralen für politische Bildung oder demokratiefördernde Vereine. Ich finde, gerade die Wirkung dieser Regionalkoordination wird im ganzen Konzept Schule ohne Rassismus sehr oft unterschätzt. Denn sie haben neben Einigem an Bürokratie die Aufgabe, die Schulen wirksam und langfristig bei ihrer Mitgliedschaft im Schulnetzwerk zu begleiten, Projektideen anzustoßen und so zu einem aktiven Einsetzen für Antidiskriminierung beizutragen. Gleichzeitig kennen sie sich in der Region aus, sind schnell erreichbar, und kennen womögliche regionale Schwierigkeiten. Eine sehr effektive Instanz also, deren Existenz im Zweifel darüber entscheidet, ob es eine aktive „Schule-ohne-Rassismus“-Arbeit gibt, oder ob das Projekt im Schulalltag versandet. Doch leider gibt es die Regionalkoordination nicht automatisch. Denn die Schulen sind selbst dafür zuständig, sich eine Organisation zu suchen, die diese Funktion übernehmen will. Zwar kann es dabei Unterstützung von höheren SoR-Gremien geben. Doch die beläuft sich lediglich auf die Beratung, die Finanzierung des Ganzen muss regional geklärt werden, beispielsweise über Fördertöpfe. Oft eine zu große Aufgabe, was das Verhältnis von etwas mehr als 100 Regionalkoordinationen gegenüber 4000 (!) Courage-Schulen erklärt.
Kooperation für neue Koordinationen
Auch hier lohnt es sich, mal über meine persönlichen Erlebnisse zu schreiben. Denn vor einigen Monaten haben wir uns als die vier Courage-Schulen im Landkreis bei einem ersten gemeinsamen Treffen in einem Jugendzentrum, bei dem Schüler*innen wie Lehrkräfte anwesend waren, getroffen. Wir haben an einem Workshop teilgenommen und uns anschließend gefragt, wie es mit „Schule ohne Rassismus“ weitergehen kann. Und dabei kamen wir auf nur eine unausweichliche Lösung – die Regionalkoordination muss her! Fast alle im Raum sahen das so, was eigentlich bemerkenswert war.
Eine wirksamere Basisarbeit – das ist der Konsens beim Treffen gewesen, und das ist auch meine persönliche Meinung – kann nur mit genügend Beratung von ausgebildeten Coaches gelingen. Und diese Beratung liefern eben nur Regionalkoordinationen. Sicherlich gibt es im Geflecht von „Schule ohne Rassismus“ noch andere Stellschrauben, an denen man drehen muss. Aber will man wirklich wirksam etwas an der Wirksamkeit des Schulnetzwerks ändern, wäre dieser eine Punkt das, woran man als erstes ansetzen müsste. Durch mehr Anstrengung seitens des Trägervereins „AktionCourage e.V.“ , und mehr direkten Kontakt mit den Schulen insgesamt. Und natürlich auch durch mehr Projektmittel. Wo wir, wie immer, beim Geld wären.
Gespräch mit Ingo Ostwald
Dieser Blogbeitrag kann so nicht enden. Negativ, pessimistisch, kritisch. Dieser Blogbeitrag muss damit enden, aufzuzeigen, was „Schule ohne Rassismus“ regional eigentlich schon alles bewirkt hat. Und deswegen freue ich mich, dass ich ein Gespräch mit einem Mann führen konnte, der eigentlich seit der Entstehung des Netzwerks dabei ist. Der Lehrer Ingo Ostwald unterrichtet an einer Gesamtschule Mathematik und Gesellschaftslehre, ist verantwortlich für „Schule ohne Rassismus“ an seiner Schule und engagiert sich nebenbei auch noch als Kreisverbindungslehrer für die Schüler*innenvertretung. Es ist eine große Ehre für mich, ihn duzen zu dürfen 😊.
Hendrik: Wie lange hast du schon mit “Schule ohne Rassismus” zu tun? Wie hat dich das Projekt bei deinem Lehrerdasein begleitet?
Ingo: Ich habe mit dem Projekt seit 2015 zu tun, als aus der SV heraus der Vorschlag aufkam, sich als Schule ohne Rassismus zu bewerben. Wir haben dann die Auszeichnung erhalten und seitdem immer wieder Projekte geplant und durchgeführt, die mit dem Thema zu tun haben. Ich persönlich beschäftige mich schon seit meiner eigenen Schulzeit intensiv mit Rassismus.
Hendrik: Du betitelst “Schule ohne Rassismus” als für dich persönlich wertvollsten Teil deiner Arbeit als Lehrer. Was macht das Schulnetzwerk für dich aus?
Ingo: Der wertvollste Teil ist die direkte Interaktion mit den Schüler*innen, was mit der Idee von “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” eng verbunden ist. Als Klassenlehrer, Fachlehrer für Gesellschaftslehre und seit 12 Jahren als Verbindungslehrer bestimmt es meinen Schulalltag, die Schüler*innen zu größtmöglicher Mündigkeit und Verantwortung für sich selbst und die eigene Umwelt zu begleiten. Der Titel der Schule bietet eine gute Vorlage, daran zu erinnern, dass persönliche Freiheiten und gesellschaftlicher Zusammenhalt untrennbar zusammengehören und dass jeder seinen Beitrag dazu leisten muss, aber auch davon profitiert.
Hendrik: Was bedeutet für dich eine aktive Projektarbeit auf Schulebene?
Ingo: Sie verbessert maßgeblich die Diskussionskultur, das Schulklima und den Zusammenhalt und begünstigt den unkomplizierten Umgang mit der erheblichen Inhomogenität der Schüler*innen und Lehrkräfte. Ohne das Selbstverständnis, dass Vielfalt und Individualität nur in einem Umfeld von Rücksichtnahme, Gerechtigkeit und Vertrauen möglich sind, wäre eine effiziente Arbeit an der Schule kaum möglich.
Hendrik: Was muss sich konzeptionell noch ändern, damit es eine aktivere Arbeit an dem Projekt gibt, und man das Ganze als Selbstverpflichtung anerkennt anstatt als Auszeichnung?
Ingo: Die bisher abgefragten Berichte sind unverbindliche Zeitfresser ohne Wirkung auf den Schulalltag, weshalb wir auch mit dem aktuellen erheblich verspätet sind. Es bräuchte mehr konkrete Ideen und Handlungsempfehlungen, weniger bürokratisches Berichtswesen, aber gleichzeitig mehr Verbindlichkeit, d.h. es müsste mehr nachgewiesen werden, dass tatsächlich an der Schule gegen Rassismus und für Courage gearbeitet wird. Ich habe den Eindruck, dass manche Schulen sich auf dem Titel ausruhen und schöne Berichte schreiben, aber wenig tun, was bei den Schüler*innen ankommt.
Hendrik: Wie möchtest du dich persönlich dafür einbringen, dass dieses Umdenken geschieht und sich etwas verändert?
Ingo: Weitermachen, mit vielen, kleinen Aktionen das Thema an der Schule präsent halten und mit einem regen Austausch Ideen weitergeben und erhalten. Eine regionale Koordinierungsstelle wäre hierfür nützlich, weil man derzeit oft das Gefühl hat, das Rad immer wieder neu zu erfinden und viel Energie braucht, um die richtigen Angebote und Kontakte zu finden. Aber: Eine Koordinierungsstelle darf keinesfalls zu einem weiteren bürokratischen Zeitfresser werden.


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