Es ist mal wieder Zeit für ein Interview auf diesem Blog. Diesmal mit jemandem, der einen Weitblick hat, was Bildung angeht. Und das ganz ohne Lehrer zu sein. Er betreibt den „bildungsblog.de, war lange im Bereich „Design Thinking“ selbstständig und hat 2014 mit 44 Jahren noch einmal mit einem Studium begonnen. Das alles klingt sehr interessant und ich freue mich dass ich mit ihm, Peter „Peps“ Schmitt habe sprechen können!
Dies ist der zweite Teil meines Interviews mit Peps. Im ersten Teil ging es um die Konzepte „Design Thinking“ und um Sketchnotes, was beides sehr gut einsetzbar im Unterricht wäre. Jetzt geht es um unsere gemeinsamen Vorschläge für ein besseres Bildungssystem – die gar nicht soweit auseinanderliegen!
Hendrik: Ich finde, ein Interview über Bildung kann in diesen Zeiten gar nicht über ein Thema auskommen – die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie. In den drei getesteten Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz hat Deutschland so schlecht abgeschnitten wie noch nie. Dazu gibt es jetzt viele Analysen und Antworten. Was mich wirklich
interessieren würde – was ich deine?
Peps: Das ist so typisch Deutsch! Dieser ganze Umgang mit den Ergebnissen der PISA-Studie. Die Frage ist: was wird da tatsächlich ermittelt und was sind die Kompetenzen daraus? Und ich habe immer so das Gefühl, die Konsequenzen in Deutschland sind, dass man in der nächsten PISA-Studie besser abschneiden will, anstatt einfach mal darüber nachzudenken, wo die Ergebnisse herkommen. Und da würde man auch relativ schnell auf das Schulsystem kommen. Das Schulsystem basiert auf einer uralten Historie und ist mehr oder weniger fürs Militär entwickelt worden. Wir haben uns weiterentwickelt, setzen aber immer noch das gleiche Bildungssystem ein. Und lassen und da immer so treiben, anpeitschen vom Ausland. Auch diese ganze „Bologna-Reform“, das Einführen von Bachelor und Master. Ja, es hat einen gewissen Vorteil, aber eigentlich war die alte Art zu studieren besser gewesen. Es war weniger am Arbeitsmarkt ausgerichtet, sondern eher am Bildungsgedanken. Eher am Gedanken, zu lernen zu studieren und nicht, einfach nur tolle Prüfungsergebnisse zu produzieren. Prüfungsergebnisse prüfen das ab, was der Aufgabensteller hören will und nicht die Fähigkeit, sich mit einem Thema auseinander zusetzen. Und so ähnlich ist es auch mit der PISA-Studie, da wird überprüft, können die Jugendlichen diese und jene Matheaufgabe lösen, aber ich denke, in Schule steckt ein wenig mehr als das, was da abgefragt wird. Oder auch diese Geschichte mit G8. Jetzt sind wir wieder bei G9, weil es einfach nicht funktioniert hat. Der Effekt war, dass die Jugendlichen zwar ein Jahr mehr hatten, aber sowieso noch nicht wussten, wo sie hin wollen. Weil es ganz einfach auch noch ein bisschen früh ist für die allermeisten. Viele haben haben in dem gewonnenen Jahr dann ein Sabbatical-Jahr gemacht, „Work and Travel“ oder sonst irgendwas, weil sie sich erstmal vom Abistress erholen müssen.
Hendrik: Aber Hauptsache mal mit 17 oder 18 auf die Wirtschaft losgeschickt.
Peps: Ja genau. Ich finde halt, dass wir zu stark wirtschaftsgetrieben denken, in Sachen Bildung.

Hendrik: Ich hab mir die Analysen zur PISA-Studie vom Waxmann Verlag mal angeschaut. Ich glaube, in der Studie geht es schon mehr um das Verstehen und Anwenden von naturwissenschaftlichen und mathematischen Themen, die einen aber vor allem auch weiterbringen. Und ich glaube das vergessen wir in Deutschland in unserem Bildungssystem oftmals – dass es nicht darum geht, ob wir das Thema im Unterricht behandelt haben, sondern um die tatsächliche Anwendung der Themen nach dem Unterricht. International betrachtet sind wir da in Deutschland sehr am Hinterherhinken und die Studienleitung verfolgt auch andere Ansätze, die uns zu denken
geben sollten. Natürlich ist es aber auch eine Chance, dass Bildung mal in die Schlagzeilen kommt, was nicht so oft passiert. Eine Chance dafür, dass wirklich mal darauf geguckt wird, das Wissen, der einzige Rohstoff den wir in Deutschland haben, mal betrachtet wird. Es wird in den Nachrichten einfach mal drüber geredet. Wobei man das – da hast du schon recht – dann auch durchaus besser tun kann, und das nicht so mit einem WM-Charakter sehen muss, á la „wir sind auf Platz 21, wir müssen aufsteigen“, sondern dass wir uns die Frage stellen sollten, was wir grundsätzlich tun können.
Ich persönlich denke Leistungen in der Schule haben auch immer maßgeblich mit Motivationen zu tun. Man kann immer viele Konzepte an Schule und Unterricht anbringen, aber ich glaube, als lernende Person muss man auch immer wissen, was einem das persönlich bringt. Bin ich motiviert dabei? Möchte ich das tun? Damit kann man sehr viel erreichen, glaube ich. Würdest du sagen, wir brauchen ganz strukturelle Reformen in der Art und Weise, wie der Stoff vermittelt wird? Dass es eben motivierender wird?
Peps: Definitiv ja. Du sprichst von Motivation. Das ist das eine. Es gibt aber auch Untersuchungen, die zeigen, dass Selbstwirksamkeit ein wesentlicher Aspekt ist, also die Erfahrung eines Lernenden, dass er selber die Sache in der Hand hat. In diese Richtung muss man einfach einiges tun. Die Welt ist komplexer geworden, es gibt immer mehr und immer schneller neue Informationen. Wir kommen an der Technik nicht vorbei. Ich bin niemand der sagt, dass lernen mit digitalen Mitteln alle Probleme löst, in vielen Fällen sollte man im Gegenteil eher analog arbeiten als digital. Aber die digitale Welt ist einfach um uns herum präsent und wir müssen damit zurechtkommen. Es gibt viele Menschen, die sich überlegen, wie das vonstatten gehen kann. Gerade viele Jugendliche kommen damit super gut zurecht. Lehrkräfte sind halt doch ein paar Jahre älter, die kommen da manchmal schon so überhaupt nicht mehr zurecht. Als mein Sohn in der Schule war hatten sie so modernes Zeug wie einen Beamer im Einsatz. Die Schülerinnen müssen den Lehrkräften aktuell immer noch zeigen, wie das geht. Also das finde ich ist schon echt schwierig. Wir müssen versuchen – und das hatten wir ja beim PISA-Thema davor auch – die Alltagstauglichkeit im Unterricht einzubringen. Ich habe mit Sicherheit nicht die fertige Lösung für das Bildungssystem, aber ich bin sicher, es sollte auf jeden Fall anders ausschauen und man sollte, da bin ich wieder zurück beim Design Thinking, einfach mal alles von einer neuen Perspektive aus denken. Wir wissen, es gibt dieses Bildungssystem, das nimmt uns auch keiner weg. Aber jetzt lasst uns einfach hinsetzen und uns die Frage stellen was das Problem ist und was unsere Ziele, was wir eigentlich von unserem Bildungssystem wollen. Aktuell wollen wir mit dem Bildungssystem Menschen produzieren, die gut wirtschaftlich verwertbar sind, gut im Arbeitsleben eingesetzt werden können. Aber ist Bildung nicht auch ein bisschen mehr? Ermächtigung zu einem selbst gestalteten Leben? Bildung muss über mehr handeln als übers Geld verdienen, übers Arbeiten, sondern es muss das Interesse an der Welt, an verschiedenen Themen, an anderen Menschen hervorrufen. Und das geht halt völlig unter bei uns im aktuellen Schulsystem.
Hendrik: Oder auch andersrum gefragt: bin ich denn wirklich selbstwirksam, bin ich denn einsatzfähig für die Wirtschaft, nur weil ich einen Abschluss habe? Nur weil ich dann fertig bin? Es ist ja gerade nicht so, dass man eine Perspektive nach der Schule hat. Nicht richtig weiß, was man vom Leben will und was einen richtig interessiert, weil oft genau das an Schule gar nicht behandelt wurde. Und weil man in vielen auch gar keine Lust mehr hat auf alles, was in den Jahren davor Alltag war. Auch der psychische Druck in der Schule nimmt ja immer weiter zu – das war ja auch der Schwerpunkt in Mathematik der diesjährigen PISA-Studie, wo eben auch geguckt wurde, wie die Lernenden den Matheunterricht so finden. Und dabei ist herausgekommen, dass sehr viele der 15-jährigen in Matheunterricht wirklich psychischen Druck haben und nicht abgehängt werden wollen – auch was Hausaufgaben angeht. Und gleichzeitig kam heraus dass 91% in Mathe gut sein wollen und die Leistungen erbringen wollen, die von ihnen erwartet werden. Nur ich denke es mangelt ganz einfach an der richtigen Vermittlung und den Konzepten. Was man braucht, ist schlicht und einfach Geld. Man müsste anerkennen, dass Bildung einen hohen Stellenwert hat und dass Bildung Geld benötigt. Diese ganzen Workshops und Konzepte, die es ja eigentlich schon gibt, die Lösungen, die es ja durchaus gibt, müssen eingesetzt werden, und dafür bräuchte es ganz einfach Geld und ein Bewusstsein dafür, das Bildung Geld benötig, was auch nicht alles ist, aber womit man viel machen könnte.
Peps: Ich gebe dir recht: Geld wird sicherlich nötig sein für solche Reformen. Aber ich glaube fast eher einfach um beispielsweise Gebäude zu sanieren. Ich kriege das bei meiner Frau mit die in einer Schule arbeitet: da werden Löcher gestopft, da wird dann das aller nötigste mal gemacht weil ihnen fast ein Fenster entgegenfliegt, wenn sie versuchen es aufzumachen. Da ist einfach jahrelang viel zu wenig Geld reingesteckt worden. Und auch fürs Lehrpersonal wird es Geld benötigen, was auch immer das heißt. Man könnte ja auch Unterrichtsbegleiter einsetzen. Aber ich glaube viel wichtiger als das ist einfach die Einstellung und der Wille grundsätzlich nochmal drüber nachzudenken. Ich fürchte, viele verharren einfach in dem System, in dem sie jetzt drinstecken und viele werden auch von dem System kaputtgemacht, gerade viele Lehrkräfte. Ich erlebe das mit meinen Bekannten in meinem Freundeskreis. Viele von denen hatten zumindest mal – und haben größtenteils auch noch – den Willen, wirklich etwas zu bewirken und können das aber nicht, weil das System sie da ausbremst, Und da müsste man wirklich mal den Willen haben, grundsätzlich nochmal drüber nachzudenken, wie es besser funktionieren könnte.
Hendrik: Das sehe ich auch. Es gibt ja auch den einen oder anderen Fördertopf, der da mal reingeworfen wird: „Aufholen nach Corona“ oder der „Digitalpakt Schule“. Aber das sind ja alles nur kleine Zahnräder an denen dann gedreht wird und nicht das große Ding, das ja eigentlich schon viele fordern. Wir alle die selbe Meinung haben ist, dass sich etwas ändern muss. Aber am Wie scheitert es oft. Wobei man ja auch immer bedenken muss, dass viele bildungspolitische Entscheidungen in Deutschland föderal getroffen werden müssen. Das ist auch oft das Problem. Dass in 16 verschiedenen Ländern so viel einzeln geregelt werden müsste, dass das wirklich für alle Jugendlichen in Deutschland gilt. Und das sich oft auch ganz einfach Kompetenzen überschneiden und der Bund manchmal auch gar nichts entscheiden darf. In Anbetracht der Geschichte ist das vielleicht oft auch gerade gut – aber es macht es natürlich kompliziert. Für die Unterrichtsgestaltung ist das Land zuständig, für die Schulgebäude ist der Kreis oder die Stadt zuständig. Aber trotzdem müsste mal viel Kraft investiert werden, das – für alle Ebenen – zu machen, da führt meiner Ansicht nach gar kein Weg dran vorbei.
Peps: Ich komm da immer wieder zum Design Thinking zurück, was dabei eigentlich eine sehr interessante Methode ist. Man müsste ja nicht gleich auf einen Sitz das ganze Bildungssystem umstülpen, sondern wenn man einfach die Möglichkeit schaffen würde, das man Prototypen entwickelt, die zeigen, wie sich das ganze entwickelt. Und ja, dabei weiß man nicht, ob´s dann so funktionieren wird oder nicht. Augenblick funktioniert es ja nicht – also was soll schiefgehen?
Hendrik: Bevor wir zum Ende dieses Interviews kommen, vielleicht noch mal für dich ganz persönlich; Was dürfen denn deine Leserinnen für 2024 erwarten? Gibt es bestimmte Projekte und Blogthemen, die anstehen?
Peps: Wie schon am Anfang gesagt, der Bildungsblog hatte ein paar Unterbrechungen. Ich habe das eine Zeit lang recht regelmäßig betrieben, teilweise sind große Lücken zwischendrin. Thematisch habe ich jetzt nichts spezielles vor, aber gerade dieses Interview zeigt mir irgendwie, dass da draußen doch Menschen sind, die das interessiert. Also ich nehme mir einfach vor, als großen Neujahrswunsch, wieder aktiver zu werden.
Hendrik: Vielen herzlichen Dank! Es war mir wirklich eine große Freude!

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