In dieser Rubrik geht es um Perspektiven verschiedenster Personen, die alle irgendetwas mit Bildung zu tun haben. Die ersten Gespräche habe ich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse führen dürfen, und dabei mit Menschen gesprochen, die dort ganz unterschiedliche Stände betrieben haben. Herausgekommen sind inspirierende, interessante und überraschende Unterhaltungen.
Hendrik: Ich bin hier am Stand des Verlags „Neuer Weg“ und neben mir sitzt die Frau…?
Dürr: Ich heiße Elvira Dürr und arbeite seit 45 Jahren für den Verlag „Neuer Weg“. Der Name beschreibt, dass wir sagen, wir brauchen eine sozialistische Perspektive. Und solche Bücher geben wir heraus. Wir haben ein Programm von „fortschrittlich“ bis „marxistisch-leninistisch“. Es gab in der DDR bis 1949 den Verlag „Neuer Weg“, der Bildungsmaterial rausgegeben hat, danach haben wir uns sozusagen benannt. Und diese Idee haben wir auch. Ganz wesentlich haben wir eine Buchreihe, „Revolutionärer Weg“, von 1969 bis heute. Unser aktuelles Buch, die Neuerscheinung auf der Buchmesse, heißt „Die globale Umweltkatastrophe hat begonnen!“ und es geht darum, was wir angesichts dessen tun können. Wir sind der Meinung, dass heute die Entscheidung steht zwischen dem Kapitalismus – was entweder Untergang in der Umweltkatastrophe oder Atomkrieg bedeutet – oder dem Sozialismus die einzige Zukunft für die Menschheit. Wir haben aber auch zum Beispiel den einzigen Roman von John Ziegler, den er auch bewusst bei uns herausgegeben hat; wir haben sehr viel antifaschistische Literatur, zum Teil Weltliteratur – wie Ostrowski, „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Also wir sprechen gerade auch die Jugend an.
Hendrik: Wenn Sie jetzt auf das Bildungssystem und auf Schule in der DDR zurückblicken, wie bewerten Sie das? Finden Sie, alles oder vieles war gut, oder gab es Ihrer Meinung nach auch kritische Punkte?
Dürr: Wir haben ja untersucht, dass es in der DDR einen sozialistischen Aufbau gab, der aber mit dem 20. Parteitag der KPdSU , also der Sowjetunion, 1956, beendet war. Dort wurde der Kapitalismus restauriert, das haben wir auch untersucht, auch dafür gibt es ein Buch. Wir sagen – es gab gute Ansätze, aber es war nachher auch ein kapitalistisches System, und die guten Ansätze sind stecken geblieben. Allerdings haben wir ein anderes Buch in unserem Verlag, die Biographie von Nadeschda Krupskaja, der Frau Lenins, die selber eine sehr politische, eigenständige Frau war. Sie hat das Bildungswesen in der Sowjetunion mit aufgebaut. Das ist bis heute revolutionär. Was sie für Dinge gemacht und vorgeschlagen hat, das konnte gar nicht alles realisiert werden. Aber das was sie erarbeitet hat, ist bis heute revolutionär.
Dieses Interview war für mich sehr lehrreich – es hat mir gezeigt, dass unabhängige, ideologiefreie Bildung enorm wichtig ist. Bildung muss neutral sein, gerade jene politischer Art. Ist sie das nicht, kommen ganz leicht rechtsextreme, propagandistische oder eben auch sozialistische Werte auf, die im besten Fall einseitig, schlimmstenfalls spaltend sind.
Gleichzeitig ist der Pluralismus in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Ich finde es schön, wie gerade auf der Frankfurter Buchmesse so viele unterschiedliche Ansichten, so viele verschiedene Bücher und interessante Persönlichkeiten aufeinandertreffen können. Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagt hierzu in seinem Interview mit der Zeitschrift „Das Parlament“:
„Die Buchmesse ist keine Zensurbehörde, sondern eine Plattform – eine Plattform für Meinungsaustausch.“
Juergen Boos
Quelle: Das Parlament Nr. 42, Seite 3 „Das gehört zu unserer DNA“
In Deutschland ist ideologiefreie Bildung erreicht. Anderswo auf der Welt hält Propaganda immer noch Einzug in den Schulen. Ich persönlich mag manche Denkweisen des Verlags „Neuer Weg“, mit einigen seiner Ziele kann ich mich identifizieren, wenn auch lange nicht mit allen. Trotzdem erhebt er für sich einen klaren Bildungsauftrag, will die Jugend überzeugen.
Trotzdem weiß ich: an Schule wäre er falsch, an Schule muss die Debattenkultur und das distanzierte Behandeln von Meinungen gestützt werden. Die sozialistische Haltung ist dann nur eine von vielen.


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