Nur mit Koop geht’s zusammen!

Schon in den 60ern wurde um sie gekämpft, demonstriert und gestritten, nun sind sie endlich etabliert: kooperative Gesamtschulen in Deutschland. Alle drei Jahrgänge, Hauptschule, Realschule Jahrzehntelang und Gymnasium, beinhalten sie, alle Schüler*innen gehen in die selbe Schule, teilen sich einen Schulhof, aber mit eigenem Unterricht. Warum diese Kooperation massiv ausgebaut werden muss, und wie das gehen kann – alles im heutigen Kommentar des „Sententskalender 2023“.

Ein grauer Hof, gespickt mit ein paar Büschen, bunten Metallbänken und vereinzelten Mülleimern: das war sechs Jahre lang mein Schulhof, bevor ich nach der 10. Klasse die Schule gewechselt habe. Um ihn herum, im offenen Rechteck angeordnet, drei Gebäude, in denen alle der ca. 1.000 Mittelstüfler*innen unterrichtet werden. Gemeinsam. Soweit, so gut. Blickt man aber auf den tatsächlichen Unterricht, fällt auf: Im Grunde hat man schulzweigübergreifend sehr wenig miteinander zu tun. Ich persönlich hatte ganze zwei Jahre lang überhaupt gemeinsam Unterricht mit der Realschule – komplett überfüllt im unbeliebten Fach Religion.

Das höchste der Gefühle war dann eine gemeinsame Computer-AG, ein paar Projekttage, und natürlich die Schüler*innenvertretung, in der alle Schulzweige vertreten waren.

Dass es so nicht funktioniert, zeigen die Vorurteile, die während der Schullaufbahn in den Klassen auftreten: oft wurde bei uns über die anderen gelästert, über ihren viel einfacheren Schulstoff oder ihre Unfähigkeit im gemeinsamen Volleyballspiel, das ab und zu stattfand. Anstatt miteinander zu reden wurde übereinander geredet, Gruppen bildeten sich, und das gemeinsame Motto der Schule, „einzeln wichtig, gemeinsam stark“, konnte nicht zum Tragen kommen. Viele Jugendliche belastete dieser Zustand, auch wenn sie es wohl nicht offen zugeben wollten. Viele sahen und sehen aber natürlich auch keinen Grund darin, gemeinsame Angebote zu schaffen. Und doch braucht es gerade diese.

In einer Gesellschaft, die für unterschiedliche Personengruppen verschiedene Ausbildungs – und Lebenswege vorsieht, muss man über diese hinaus miteinander reden. Denn die Gesellschaft an sich besteht aus uns allen, egal, wofür wir morgens aufstehen, egal, was wir im Leben gelernt haben. Unterschiede aufzubauen schafft ein Gruppendenken, ein „Wir-und-Sie-Gefühl“, das spaltet. Doch nur zusammen können strukturelle Probleme angegangen werden, auch und gerade an Schule.

Außerdem macht es doch auch Spaß, mal zu erfahren, was abseits des eigenen Unterrichts an der Schule passiert. Die schönsten Projekte und Aktionen entstehen mit möglichst vielen Leuten, die sie mittragen. So schafft man eine Schule, die eben mehr ist als langweilige Wissensvermittlung. So entsteht ein Ort, an dem man seine Hobbies hat, eine schöne Zeit verbringen kann, und sich gegenseitig motiviert,…

Alle Schüler*innen wurden mit eingebunden, als uns neun ugandische Schüler*innen mit ihren Lehrkräften besuchten. Fragen konnten gestellt werden, und bei Uganda-Abenden lernte man die gegenseitige Kultur und auch das Essen kennen. Das schaffte Verbindung, im Rahmen der Partnerschaft, aber eben auch innerhalb der Schule.

Vorurteile abzubauen bedeutet auch, Diskriminierung und Rassismus abzubauen. In der Realität sind die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Real- und Hauptschulklassen. Ein Gemeinschaftsgefühl kann gerade die Menschen mitreißen, die sich vielleicht öfter ausgeschlossen fühlen. Gerade uns als „Schule ohne Rassismus“ haben gemeinsame Aktionen wie Workshops oder Flashmobs gegen Ausgrenzung extrem geholfen, zu signalisieren, dass Rassismus eben keinen Platz bei uns hat. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne gemeinsame Anstrengungen.

Blickt man nun auf die unterrichtliche Ebene, muss man sagen, dass gerade die kooperativen Gesamtschulen von den integrierten Gesamtschulen lernen können, die viel mehr gemeinsamen Unterricht haben. Wie sinnvoll ist es, dass es drei unterschiedliche Kurse gibt, was Politik und Wirtschaft, Sport, Kunst, oder Musik angeht? Ist es heutzutage nicht für jeden Menschen essentiell, ein gutes Englisch zu sprechen? Und wo kann man sich gegenseitig auch beim Lernen unterstützen, zum Beispiel im Lieblings-Hassfach Mathe? Dort wo es möglich ist hilft gemeinsamer Unterricht, die Kooperationsfähigkeit junger Menschen zu erhöhen. Und das oft genannte Argument, so würden die „Langsamen“ die „Schnellen“ aufhalten kann man ganz einfach damit zerstreuen, dass wir ein neues Gruppendenken brauchen. Ein Gruppendenken von dem Weiterkommen, und das eben als Gruppe, dem Erklären, dem Weiterhelfen, und dem Aufteilen der Aufgaben. Auch wenn die Klassenarbeiten nicht die selben sein werden – der mündliche Bereich könnte so extrem aufgewertet werden.

Wir sehen – Chancengleichheit und Toleranz im Leben beginnt an Schule. Und dort, wo alle Jugendliche auf eine Schule gehen können, gibt es einen Raum für vielfältige Möglichkeiten.

*Titelbild: freundlicherweise bereitgestellt vom Lizenzinhaber, der Limesschule Idstein

Bild 2: selbst erstellt auf canva.com





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