Kati Ahl ist Schulentwicklungsberaterin und selbstständige Key-Noterin. Ein Ausschnitt aus meinem Interview mit ihr ist im Folgenden zu lesen. Das gesamte Interview findet ihr hier als Video auf meinem YouTube-Kanal.
Hendrik: Kati, herzlich willkommen zu diesem Interview. Du bist verbeamtete Schulentwicklungsberaterin und in einer Nebentätigkeit noch selbstständig als Autorin, Podcasterin und Speakerin, wie heute hier auf der didacta. Warum erfüllt dich diese Arbeit und wie kamst du dazu?
Kati: Ich kam dazu, weil ich vorher Schulleiterin und Lehrkraft war und den Eindruck hatte, ich möchte gerne eine Tätigkeit haben, in der ich mithelfen kann, was zu verändern. Deswegen schreibe ich Bücher, mache Podcasts und bin ich in Schulen unterwegs.
Hendrik: Was war dein schönstes Projekt bisher? Worauf blickst du sehr gerne zurück?
Kati: Mein schönstes Projekt war mit Schulen der „Evangelischen Schulstiftung“. In dem Projekt machen wir Schulentwicklungen zusammen mit Schülerinnen und Schülern. Sie dürfen sagen, was sie gerne an ihrer Schule verändern würden, für mehr Inklusion. Beispielsweise für Kinder, die sich nicht gut konzentrieren können und gar nicht richtig am Unterricht teilnehmen können. Für die überlegt sich eine Gruppe aus Kindern, Erwachsenen und Schulleitungen in Fachtagen Lösungen. An diesen Fachtagen arbeiten wir mit „Design Thinking“-Prozessen, sodass die Kinder auch sehr gut teilnehmen können. Also zum Beispiel bauen sie ein Modell mit Lego. Da sind Kinder sehr gut drin und können sich gut drauf einlassen, manchmal besser als Erwachsenen.
Hendrik: Im Vortrag, den du gerade eben auf der Messe gehalten hast, ging es um die Schulsysteme von Dänemark und Finnland. Wie bist du auf diese beiden Bildungssysteme aufmerksam geworden und was fasziniert dich daran?
Kati: Das „Forum Bildung Digitalisierung“ hat in 2021 eine Reise dorthin unternommen. Ich fand das schon immer total spannend und wollte gerne verstehen, was da rauskommt, wenn man in andere Länder fährt. An Dänemark und Finnland interessiert mich ganz speziell, dass das ja angeblich die glücklichsten Völker der Welt sind. Auf der anderen Seite spielt aber Leistung auch eine Rolle. Die Frage, wie die Balance zwischen Wellbeing, Leistung und Zukunftskompetenzen gelingen kann, interessiert mich sehr, und ich finde das einfach spannend.
Hendrik: Ich erlebe das deutsche Schulsystem immer als ein sehr starres, mit viel Bürokratie, festen Vorgaben und wenig individuellem Handlungsspielraum auch für Lehrkräfte. Was müsste sich denn im deutschen Bildungssystem tun, damit es mehr wie in Skandinavien wird, dass mehr das Individuum im Vordergrund steht und persönliche Interessen und Motivation auch der Lernenden?
Kati: Tja, wenn ich die Lösung hätte, dann wäre ich vielleicht Bundesbildungsministerin *lacht*. Aber ich denke darüber auch viel nach. Eine Sache, die ich über die ich viel nachdenke, ist das Beamtentum. Ist das nicht auch ein Knebel? Ist das tatsächlich so hilfreich? Könnten wir davon profitieren, wenn Lehrkräfte nicht mehr verbeamtet sind, aber dafür besser angesehen? Das, glaube ich, wäre eine Stellschraube. Außerdem denke ich, dass Schulen und Lehrkräfte ihren Einfluss unterschätzen. Gerade Schulen können mehr verändern, als sie denken. Man sieht das an den deutschen Schulpreisschulen, die Spielräume nutzen, darin sehr kreativ sind und hinterher mit einem Preis dafür belohnt werden.
Hendrik: Würdest du sagen, wir brauchen eine Bildungswende? und wenn ja, gelingt das durch einzelne Änderungen wie Fördertöpfe oder brauchen wir schon einen grundsätzlichen Wandel?
Kati: Malcolm Gladwell (Journalist) hat mal über einen „tipping point“ gesprochen. Ist der erreicht, entstehen Bewegungen im Grunde wie bei Viren. Es gibt eine Phase, in der sie sich an einer guten Idee anstecken. Und irgendwann kippt das ganze und wird zu einer großen Bewegung. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass wir irgendwann diesen tipping point erreicht haben.
Hendrik: Das spricht sehr für eine Bewegung von unten, quasi als Graswurzelbewegung.
Kati: Den Begriff finde ich gut. Gleichzeitig hätte ich gerne, dass die Gesellschaft mitmacht. Dass Bildung nicht mehr abgekoppelt ist, sondern dass alle Menschen Bildung sie als das ansehen, wovon die Gesellschaft von morgen abhängt. Ob man Kinder hat oder nicht – alle müssen sich dafür stark machen, dass sich in der Bildung etwas verändert. Auch die Wirtschaft darf da nicht außen vor bleiben. In Dänemark zu Beispiel bringt „LEGO“ sehr viel Innovation in die dänischen Schulen. Das haben wir in Deutschland sehr wenig.
Hendrik: Wie stellst du dir die Schule in 2050 vor?
Kati: Ich stelle mir vor, dass Schule die Fenster und Türen aufmacht und sehr stark vernetzt ist ins Quartier. Dass Eltern, Schüler*innen und Wirtschaft sehr viel Bildung mitgestalten, und es nicht mehr alleine der Lehrkraft obliegt gut auf die Zukunft vorzubereiten. Natürlich gibt es dafür Vorbilder, beispielsweise die „Ernst-Reuter-Schule“ in Karlsruhe. Das ist eine Gemeinschaftsschule, die sehr ins Quartier vernetzt ist. Dort können Kinder und Jugendliche an ganz anderen Orten in Karlsruhe lernen, wenn sie bereit dafür sind.
Foto: Kati Ahl


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