LRS – wie meistert man die Hürden?

Ein Gespräch mit Dieter Budke vom „Kölner Arbeitskreis LRS und Dyskalkulie e.V.“ über Einschränkungen, die vielen von uns im Alltag gar nicht bewusst sind, aber definitiv mehr Aufmerksamkeit bekommen müssen!

Bei der didacta in Köln Ende Februar traf ich auf den Ersten Vorsitzenden des „Kölner Arbeitskreises LRS und Dyskalkulie e.V.“. Mit Dieter Budke führte ich ein sehr interessantes Gespräch, als jemand, der davor noch ziemlich wenig über diese Lerneinschränkungen gehört hatte.

Der Verein ist ehrenamtlich tätig, inzwischen Träger der freien Jugendhilfe, und besteht seit mittlerweile neun Jahren. Sein Ziel: Schülerinnen und Schülern, die von Lese-Rechtschreibschwäche oder auch Rechenschwäche betroffen sind, unterstützen und ihre Situation in der Schule verbessern. Dabei sollen gesellschaftlich geltende Klischees gegenüber Beeinträchtigten abgebaut und ein positiverer Umgang entwickelt werden.

Während die erste Vereinssitzung noch aus 36 Teilnehmenden bestand, ist der Verein inzwischen explosiv gewachsen. Mittlerweile ist seine Expertise in Anhörungen städtischer Behörden, im Schulausschuss und bei allen Landtagsfraktionen in Düsseldorf gefragt, auch ein Austausch mit dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium erfolgte bereits. Der Arbeitskreis zählt auch auf die Schirmherrschaft seitens des Fernsehmoderators Ralph Caspers.

Eine Hauptaufgabe für den Verein, so betont Herr Budke, ist und bleibt aber, allen Betroffenen zu „einem ihren Potenzialen entsprechenden Abschluss“ zu verhelfen. Neben Broschüren, die der Verein zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellt, berät er Lehrkräfte an Schulen und klärt über aktuell geltende Möglichkeiten im Notenschutz und Nachteilsausgleich auf. Dies ist besonders wichtig, denn: „in 85% der Schulen werden schulrechtliche Vorgaben falsch interpretiert, nicht bekannt, werden ignoriert oder als Kann-Bestimmung abgestempelt.“ Gerade hierzu durfte ich dem Vorsitzenden zwei Fragen stellen:

Hendrik: Es gibt in Bezug auf LRS und Dyskalkulie viele Vorgaben und Erleichterungen für Betroffene. Sollen die Beeinträchtigungen pädagogisch oder medizinisch betrachtet werden?

Budke: Auf alle Fälle pädagogisch. Stellt die Lehrkraft, so wie in der aktuellen Erlasslage (gesetzlichen Regelung) vermerkt fest, dass ein Schüler länger als drei Monate nicht ausreichende Leistungen erbringt, müssen Nachteilsausgleiche und Notenschutz gewährt werden. So wird einer Demotivation vorgebeugt. Die pädagogische Sichtweise, festgestellt durch Lehrkräfte, muss also umgesetzt werden.

Hendrik: Wie stellen Sie sich die perfekte Schule in 2050 vor?

Budke: Ich träume davon, dass im Jahre 2050 die Schule mehr auf Neigungen und Talente der Schüler eingeht und diese fördert. Diese ganzen abstrakten Themen stehen nur noch zur Wahl, damit die Leute wirklich ihrem Interessensgebiet und ihren Neigungen entsprechend geschult werden. Somit stellen sie sich frühzeitig ihren Interessen stellen und werden dementsprechend ausgebildet.

Das Gespräch von Hendrik Heim mit dem ersten Vorsitzenden des Kölner Arbeitskreises LRS und Dyskalkulie e.V.
Mein Gespräch mit Dieter Budke – freundlicherweise aufgenommen vom Kölner Arbeitskreis. Instagram: @lrs.koeln

Das Vorgehen des Arbeitskreises folgt einer Vision. Angefangen hat es mit dem Sohn von Dieter Budke und seiner Frau, die er „die wichtigste Person im Verein“ nennt. Bevor der Verein gegründet wurde, bekamen sie die Nachricht, dass ihr Sohn von LRS und Dyskalkulie betroffen ist. In der Schule bekam er keine Unterstützung und wurde im Gegenteil gemobbt. Als sich die Familie in Bonn an einen Lehrer und Lehrerausbilder wandte, empfahl der ihnen nach einem Sprichwort: wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis. Heute ist das Ziel des Vereins, anderen Kindern die Unterstützung zu geben, die benötigt wird, um trotz der Lernschwächen mit den gleichen Chancen ins Leben gehen zu können. Gerade der Stand der didacta, der ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, und die freundliche Unterstützung von Messebauunternehmen und einem Teppichzulieferer verschaffen dem Kölner Arbeitskreis die nötige Aufmerksamkeit für seine so wichtige Arbeit, die allein von Spenden und Mitgliedsbeiträgen, sowie finanzieller Unterstützung von Stiftungen getragen wird. Dass dem Verein so viel Bedeutung beigemessen wird, freut Budke. Er kämpft weiterhin für jeden Cent und jeden Euro.

Als das Interview eigentlich schon vorbei war, war es Herrn Budke sehr wichtig, noch zwei Dinge zu äußern. Ich habe mich dazu entschieden, sie hier beide aufzuschreiben, als Anstoß zu einer wertvollen Diskussion:

Budke: Gendern wird von über 80% der Menschen abgelehnt. Was uns bewegt ist, dass gendern den Lesefluss von LRS-Betroffenen behindert und zusätzliche Hürden schafft. In Köln sind das alleine ca. 25.000 Schüler, mit einer wahrscheinlich sehr hohen Dunkelziffer. Unser Verein ist deshalb strikt gegen das Gendern. Das sinnerfassende Lesen wird dadurch behindert.

Ich persönlich spreche mich für das Gendern aus, habe dies bereits in einem Blogpost klar gemacht, und gendere auch beim Schreiben und Sprechen. In diesem Blogpost wird allerdings bewusst nicht gegendert, um dem Engagement und der Zielgruppe des Vereins den nötigen Respekt zu erweisen. Noch eine Botschaft war Budke wichtig zu äußern:

Budke: NRW hat kürzlich eine Änderung des Nachteilsausgleichs bei der zentralen Abschlussprüfung der 10. Klasse beschlossen. Jetzt gibt es lediglich noch eine Zeitverlängerung für Betroffene von LRS, der Ausgleich wird so extrem reduziert. Das ist nicht hinnehmbar und damit zu vergleichen, als gäbe man einem Brillenträger die Brille, die man vorher mit Fensterglas ersetzt hat.

Wer den Verein unterstützen möchte, oder mehr über LRS und Dyskalkulie erfahren möchte, kann gerne die Website, den Instagramkanal oder Facebook-Account des Vereins besuchen.


Alle Fotos: Kölner Arbeitskreis LRS und Dyskalkulie e.V.





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