Heute, im zweiten Teil des Interviews mit dem Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz geht es darum, wie viel Einfluss Flo eigentlich auf die Tagespolitik hat und darum, wo er Schule in der Zukunft sieht.
Hendrik: Bei all dem wichtigen Beitrag zur Demokratie – Olaf Scholz hat aber zum Beispiel trotzdem nicht die Verpflichtung, darauf zu hören, was ihr sagt, oder? Als wie groß schätzt du euren, wie groß schätzt du deinen Einfluss auf das Tagesgeschehen in einem Politikbereich ein, bei dem man ja leider eher selten Wahlen gewinnt – mit Bildung?
Flo: Du hast recht, Bildung ist leider nicht das Thema, was Wahlen gewinnt und das frustriert mich auch stark. Wir erleben immer wieder in Sonntagsreden, dass Bildung super wichtig ist. Da heißt es „Bildung ist Zukunft“, „Bildung ist wichtig für Chancengerechtigkeit“ etc. Da wird das Thema mal hoch angepriesen. Ja, aber wenn es ernst wird, wie wichtig ist dann Bildung wirklich? Dann merkt man eben in der Praxis oft, dass Bildung eines der Themen ist, wo zuerst der Rotstift eingesetzt wird. Ich sage immer: Politik fängt dort an, wo die Mittel knapp werden. Das merken wir auch gerade ganz klar. Wenn es wirklich zu diesen harten politischen Entscheidungen kommt, zu diesen Abwägungen, dann ist das Thema Bildung oft ein Baueropfer, andere politischen Bereichen vorzulassen. Das frustriert uns auch. Um aber zu deiner ursprünglichen Frage zurückzukehren: Klar, wir als politische Konferenz sind nicht das Organ, was jetzt hier ganze politische Entscheidungen umschwenkt. Wir sind nicht diejenigen, die groß mit unserem Beitrag die Welt verändern und da wirklich große Player sind. Das definitiv nicht. Da muss man auch realitätsnah genug sein, das auch anzuerkennen. Gleichzeitig aber dürfen wir das nicht unterschätzen. Die kontinuierlichen Gespräche, die wir mit der Politik führen, unser Auftritt in Medien, Pressekonferenzen, Pressemitteilungen, das alles sind Sachen, die erstens dafür sorgen, dass Bildung als ein gesamtes Thema weiter oben auf der Agenda ist, dass Bildung allgemein mehr Berücksichtigung findet unter all den Politikbereichen, mit denen Politik sich auch befassen muss, zum Beispiel jetzt auch in den Haushaltsberatungen. Und zweitens führt es dazu, dass innerhalb des Themas Bildung Schüler*innen mehr berücksichtigt werden. Also dass wir auch innerhalb des Themas Bildung mehr Gehör finden, als diejenigen, für die letzten Endes Bildung gemacht wird. Der stete Tropfen höhlt den Stein. Und so ist auch bei uns die Kontinuität in unserer Arbeit entscheidend. Sie führt dazu, dass wir am Ende doch im Hintergrund einiges verändern können, auch wenn man das vielleicht auf den ersten Blick nicht so meint.
Hendrik: Wenn wir jetzt mal utopischer werden, wo siehst du denn Schule 2050? Was könnte sich bis dahin auch dank eurer Arbeit zum Positiven verändert haben? Und welche Rolle könnte Schule dann haben im Bereich Bildung?
Flo: Also meine Vision für Schule ist, dass wir in drei Punkten ansetzen. Dass Schule 2050 erstens digital ist. Da hängen wir massiv zurück. Wir merken, dass auch gerade wieder der Digitalpakt 2.0, also dieses große Geldpaket des Bundes, das dafür sorgen soll, dass unsere Schule digitalisiert wird. Das kommt nicht. Da müssen wir warten. Und das ist auf jeden Fall ein Thema, das für unsere Zukunftskompetenz und die Zukunftskompetenz unserer Schüler super relevant ist. Als Zweites soll Schule ein inklusiver Raum sein, in dem alle berücksichtigt werden. Das bezieht sich darauf, dass Menschen mit allen Sexualitäten, mit und ohne Migrationsgeschichte, dass alle die gleichen Chancen haben. Chancengerechtigkeit ist ein super wichtiges Stichpunkt. Wir wollen, dass Schule ein Safe Space ist, der diskriminierungsfrei ist. Die dritte Vision ist, dass wir ein Schulsystem haben, das innovativ ist. Wir merken ganz oft, dass unser Schulsystem, gerade in Deutschland, mit dem Föderalismus wirklich starr und nicht dazu in der Lage ist, neue Innovationen anzupacken und auch sich selber immer neu zu erfinden. Wir sehen das zum Beispiel bei den Unterrichtsmethoden. Wir hängen immer noch an der 45-Minuten-Stunde fest, immer noch am Portalunterricht. Das sind alles Themen, wo unser Schulsystem eingerostet ist. Insofern wünsche ich mir da drinnen dritten sehen auch mehr Innovation. Welche Rolle könnte Schule haben? Gerade sehen wir, dass Schule ja oft darauf reduziert wird, Schüler durchzureichen, Schüler zum Abi einfach hinzuführen und dafür zu sorgen, dass sie halt da durchkommen. Schule kann aber viel mehr sein, davon sind wir fest überzeugt. Schule kann ein Raum sein, der nicht nur dafür da ist, Leute zum Abi zu bringen und dann durch zu boxen, durch diese 12 oder 13 Jahre. Nein, Schule kann auch ein Raum sein, der für die persönliche Entfaltung eine Rolle spielt. Ein Raum sein, in dem man eben auch auf Individualität Werk legt, in dem man eben auch individuell sich entfalten und sich entwickeln kann. Und das ist, was mir so ein bisschen fehlt. Wir haben gerade ein Schulsystem, das einfach nur Leute durchreicht, statt ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selber zu entfalten. Das ist die Rolle, die Schutz spielen sollte. Davon sind wir leider noch weit entfernt.
Hendrik: Jetzt noch mal zum Abschluss. Hättest du vielleicht einen kleinen Insider für uns? Irgendeine lustige Angewohnheit der Bundesbildungsministerin? Irgendwelche peinlichen Momente, die du jetzt irgendwie in deiner neuen Rolle durchstehen musst?
Flo: Ja, was mich sehr überrascht hat, ist tatsächlich, ich war jetzt vor einigen Tagen an der Messe zum Thema „Bildung und nachhaltige Entwicklung an Schule“. Und plötzlich wollten die Leute mit mir Fotos machen und ich musste meine ersten Autogramme geben. Mit der Rolle muss ich jetzt erstmal klarkommen. Aber mit der Bundesbildungsministerin bin ich jetzt nach etwas mehr als einem Monat Amtszeit noch nicht dicke, dass ich da jetzt die Insider rausholen kann. Vielleicht treffen wir uns ja nochmal in einem Jahr zum zweiten Interview. Da kann ich da ein bisschen mehr aus dem Nähkästchen plaudern.
Hendrik: Wirklich sehr gerne. Vielen Dank für diese sehr interessanten Einblicke und ganz viel Kraft und viel Erfolg für deine zukünftige Arbeit. Danke für das Gespräch!
Flo: Vielen Dank für das Interview!


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