Es sind doch nur Kinder!

Schüler*innenvertretungen in Deutschland werden kaum ernst genommen, haben oft viel zu wenige Mittel wirklich etwas durchzusetzen, und nicht mal die Schüler*innenschaft beachtet ihre Möglichkeit zur Mitbestimmung. Wie groß das Problem ist und wie wir das ändern können!

Wer kennt es nicht? Jedes Jahr aufs Neue sitzt man nach sechs Wochen Pause das erste Mal wieder im Klassenzimmer. Obligatorischer Begrüßung und Freude, seine Freund*innen und Bekannten wiederzusehen, folgt nach kurzer Zeit eines: die Klassensprecher*innenwahl! Meist ist dies nur ein kleiner Teil des ersten Schultages, und oft hat man davor auch gar nicht groß darüber nachgedacht. Denn vielerorts wird ja ohnehin wieder dieselbe Person gewählt – oft die beliebteste, die das Amt dann relativ lustlos und ohne große Motivation ausführt. Dieser Kontakt zur Schüler*innenvertretung ist bei nicht wenigen Schüler*innen dann auch der einzige im ganzen Jahr. Das muss dringend geändert werden, denn ohne die rege Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler ergibt das ganze Konzept der SV gar keinen Sinn! 

Realität vs. Gesetze 

Laut Schulgesetzen aller 16 Bundesländern Deutschlands müssen Schüler*innen aktiv daran beteiligt werden, was in der Schule passiert. Erstmal eine sehr gute, wenn auch überflüssige Aussage, schließlich ist die Gruppe der Lernenden an der Schule immer die weitaus größte, und letzten Endes geht es an der Schule ja auch um die Schüler*innen, die abgefragt, gefordert und gefördert werden und dort eine große Zeit ihres Lebens verbringen. In der Praxis sieht das aber oft völlig anders aus: Zwar gibt es viele Verordnungen und Gesetze, Regelungen, Rechte und Pflichten für Schüler*innenvertretungen und ihre Mitglieder. An meiner, sowie an so vielen anderen Schulen wird aber nur ein Bruchteil davon wahrgenommen, umgesetzt oder beachtet. So kann eine wirklich demokratische Schule nicht funktionieren. 

Die Hürden der SV-Arbeit

Doch selbst wenn sich Schüler*innen aktiv engagieren, Projekte umsetzen und in der Schulpolitik etwas bewegen wollen – ob auf regionaler Ebene oder auf der landes – und bundesweiten Ebene, stoßen sie gegenwärtig noch an zu viele Hürden. Entscheidungsträger*innen sind zwar sehr gut darin, medial ihre Unterstützung und Gesprächsbereitschaft den Schüler*innen zu versichern. Oft kommt dabei aber sehr wenig raus. Man wird nur angehört, aber nicht verstanden, geschweige denn es wird tatsächlich etwas von den Anregungen der Lernenden in der Bildungspolitik umgesetzt. Durch diese Scheinpartizipation entsteht bei vielen Schülervertreter*innen nach einiger Zeit eine Frustration, man hat das Gefühl, alle Anstrengung, die man in seine Ziele steckt, alle Mitarbeit, die man in den vielen Gremien leistet, führen im Endeffekt zu nichts. Und es ist ja auch nicht so, dass SV-Arbeit immer nur gelobt und gewürdigt wird: Viele Lehrkräfte halten Fehlstunden immer für unentschuldbar, und wollen gar nicht den Grund anerkennen, warum man mal in einer Mathestunde nicht da sein konnte, auch nicht, wenn ein dringendes Gespräch mit der Schulleitung aufgrund eines Mobbingvorfalls eines Schülers dringender war. Geltende Gesetze – nämlich, dass die Arbeit in der Schüler*innenvertretung keinen Einfluss auf die Bewertung schulischer Leistung haben darf und die SVen unabhängig sein sollen – werden so nicht nur von Schüler*innen oft nicht umgesetzt. Auch Erwachsene halten sich oft nicht daran. So kann eine gute SV, die aktiv gegen Ungerechtigkeiten vorgeht, die der  Schüler*innenschaft zu einer guten Zeit in der Schule verhilft und über Rechte und Pflichten angemessen aufklärt, nicht gebildet werden. Die hohen Ziele der Kultusministerien, die ja auch sehr wichtig sind, können in der Praxis also oft nur schwer umgesetzt werden. 

Alle zusammen für eine demokratische Schule!

Wir als Schüler*innenschaft sind ein Stück weit selbst dafür verantwortlich, Ungerechtigkeiten und Probleme, die uns auffallen, anzugehen und sie in Gremien anzusprechen. Trotzdem gehört zu den Aufgaben von Schulleitung, Lehrer*innen und Eltern, die Schüler*innen aufzufordern, ihre Mitbestimmungsrechte zu nutzen und sie dabei zu unterstützen. Nur so kann eine gerechte, demokratische Schule ermöglicht werden, die alle Interessen mit einbezieht. Dies muss im Interesse aller liegen, die am Schulleben beteiligt sind. Doch aktuell erlebt man an beinahe jeder Schule, dass SVen kleine, nur unregelmäßig etwas voran bringende Versammlungen sind, die oft ihre besondere Stellung in der Schule auch noch ausnutzen, anstatt sie wirklich für gute Zwecke zu nutzen.  Nein, Schüler*innenvertretungen können und müssen viel mehr sein als das! Die SV-Arbeit muss endlich mehr anerkannt werden, von allen Seiten, und der SV muss mehr Beachtung geschenkt werden. Dazu gehören meiner Meinung nach verpflichtende Info-Veranstaltungen für alle Schüler*innen, auf denen klar gemacht wird, was die Aufgaben der Schüler*innenvertretung eigentlich sind, warum sie so wichtig ist und wie man sich an ihr beteiligen kann. Schätzungsweise wissen nicht einmal 80% aller Lernenden an einer Schule allein von der Existenz der SV, und vielleicht 10% kennen den Schülersprecher. Ich muss gestehen, auch mir und meinen Mitschüler*innen ging es bis zur 7. Klasse weitgehend so. Doch das lag nicht an uns. Man kann von 10-Jährigen nicht erwarten, dass sie sich eigenständig mit den Gremien ihrer Schule beschäftigen. Das sollte auch gar nicht das Ziel sein. Diese Schüler*innen müssen abgeholt, immer wieder befragt werden nach Problemen und Anregungen an Schulleitung, Lehrer*innen- und Schüler*innenschaft. Nur so erreicht man eine ausreichende Partizipation aller an der Schule Beteiligten. Die SV darf nicht nur von der Oberstufe betrieben und genutzt werden, so macht sie keinen Sinn und ist zu großen Teilen überflüssig. Übrigens könnte man durch eine Beteiligung auch der jüngeren Klassenstufen einer Schule ebenfalls eine frühere Politisierung erreichen: man beschäftigt sich früher mit der (Schul-)Politik  in seinem direkten Umfeld und mit den Abläufen, die in einer Demokratie wichtig sind. Somit könnte eine gut geführte SV auch ein Mittel sein gegen das sinkende Interesse vieler Jugendlicher an Politik. 

Oberstes Ziel einer guten SV: Partizipation aller

Damit aber all dies funktionieren kann, müssen nicht nur möglichst viele informiert werden. Die Schüler*innen müssen so gut wie möglich auch in das Schulgeschehen eingebunden werden. Dabei helfen regelmäßig stattfindende Schüler*innenratssitzungen, Podiumsdiskussionen, Umfragen, Sprechstunden, ein guter Austausch online via E-Mail oder analog über einen SV-Briefkasten. Und, ganz wichtig: die SV-Wahlen müssen Beachtung erfahren und ordnungsgemäß durchgeführt werden. Aus meiner Erfahrung als Schüler*innenvertreter weiß ich, dass dies oft nicht gemacht wird.  Gleichzeitig ist es aber auch Gift für die SV-Arbeit, wenn nur mitmachen kann, wer gewählt wurde. Engagierte, die keine großen Verpflichtungen und keine riesige Verantwortung wollen, wie es so viele davon an jeder Schule gibt, müssen durch offene Arbeitsgruppen, Gesprächskreise und sonstige Mitmachangebote angesprochen werden. 

Herausforderungen meistern – Probleme angehen!

Im Generellen sind Schüler*innenvertretungen das, was die Schüler*innen daraus machen! Verordnungen können einem viel empfehlen, aber letztendlich ist wichtig, wer da im SV-Raum sitzt und wie die Arbeit dieser Leute koordiniert wird. Ich selbst bin jetzt drei Jahre lang in der SV, war zwei davon Schülersprecher und bin nun stellvertretender Schülersprecher an einem Oberstufengymnasium. Natürlich hätte ich mehr durchsetzen und versuchen sollen, auch an meiner Schule voranzubringen. Doch ich bin immer wieder auch auf Widerstand gestoßen. Wichtig ist, auch bei Rückschlägen nicht zu verzagen, und immer weiter zu machen, alles zu geben, damit das Leben der Schüler*innen an der Schule so angenehm wie möglich ist. Dementsprechend habe ich auch jetzt nach den Sommerferien wieder kandidiert, um erneut Probleme anzusprechen und Verbesserung einzufordern,  weitere Mehrheiten für diese Vorschläge zu suchen und auch neue Vorschläge ins Gespräch zu bringen. Nur durch das Probieren gelingen Erfolge! 

Und es ist ja auch nicht so, dass alles in Deutschlands Schüler*innenvertretungen falsch laufen würde. Nein, es gibt viele Schulen, an denen diese Arbeit fantastisch gemacht wird, und auch sonst gibt es viele schöne Projekte und Aktionen, die durch SVen entstanden sind und Ziele, die nur durch hartes Kämpfen erreicht wurden. Das Geschaffte im Hinterkopf zu haben und dabei trotzdem immer nach vorne zu blicken, dass sollte das Ziel sein. 

Auch wenn das alles nach viel Arbeit klingt, und auch ist, gibt einem die SV-Arbeit auch sehr viel zurück: Wie funktioniert Demokratie? Wie findet man Kompromisse? Wie erreiche ich meine Ziele? Wie mache ich auf Veranstaltungen aufmerksam? Wie organisiere ich diese? Wie arbeite ich gut in einer Gruppe zusammen? Wie findet man gemeinsam möglichst zielführend und schnell eine Lösung? All das und noch viel mehr lernt man in der Schüler*innenvertretung, und das darf man nicht unterschätzen oder dementieren. Weder als Schüler*in, noch als Elternteil, Lehrkraft oder Schulleitungsmitglied! 

Und du? 

Also, bald sitzt du, der du diesen Artikel jetzt liest, vielleicht schon wieder im Klassenraum und darfst wählen, wer dich ein Jahr lang vertreten soll. Denk das nächste Mal vielleicht mal mehr darüber nach, wer das sein könnte. Vielleicht sogar du selbst? Übrigens: Nicht nur als Klassensprecher*in lässt sich SV-Arbeit machen! Informiere dich doch mal an deiner Schule, wer genau für welche Ämter kandidieren darf. Mit Sicherheit wird es auch an deiner Schule Ungerechtigkeiten geben und Sachen, die dich stören. Zeit, etwas dagegen zu tun, findest du nicht? 

*Titelbild: privat





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