Deutschland. Hier lebe ich. Ohne einen Einfluss darauf gehabt zu haben. Ich wurde hier geboren, bin behütet aufgewachsen, und hatte nie Probleme mit Krieg oder Naturkatastrophen. Vieles hier läuft gut, aber einiges muss definitiv verbessert werden. Denn obwohl das Land die viertgrößte Wirtschaftsmacht ist, hat es von Natur aus nur einen Rohstoff. Dieser Rohstoff ist die Bildung, und der wird momentan gnadenlos vernachlässigt.
Meine Story
Bevor ich am 20. August 2013 mit sechs Jahren in die Schule kam, war diese in meiner Vorstellung immer ein magischer Ort. Hier würde ich lesen lernen! Hier würde ich die Sachen erfahren, bei denen mir meine Eltern so gnadenlos voraus waren! Ich kam, wie so viele Kinder in dem Alter, mit einer „intrinsischen Motivation“ in die 1. Klasse. Einer Motivation von mir selbst ausgehend.

Und dann? Dann kam es, das Grauen. Alle Interessen, alle Neigungen, alle Talente mussten plötzlich in Schulfächer gepresst werden. Lesen. Kleine Geschichten schreiben. Rechnen. Das alles war ja noch in Ordnung. Aber Kunst? Ein Fach, in dem ich jede Woche gezwungen wurde, irgendwelche Figuren aufs Papier zu kritzeln? Oder Religion, mit seinen unzähligen biblische Geschichten, die fernab unserer Realität waren? Das passte nicht zu meiner naiven Vorstellung von Schule. Und so schwand diese intrinsische Motivation, ich vergaß irgendwann ständig meine Schulsachen, und das vorgegebene Lernen zu festen Terminen überforderte mich erst recht.
Nun ja, klingt ja erst mal nicht so nach ´ner Erfolgsstory. Und doch hat zumindest meine Geschichte ein „Happy End“. Anpassung.
Anpassen an das Bewerten durch Ziffern, anpassen an das Büffeln für Klassenarbeiten und das Vergessen des Schulstoffs danach. Anpassen an vorgegebene Themen, die behandelt werden mussten, und die immer weniger damit zu tun hatten, was ich lernen wollte. Ich erkannte Strategien, mit denen ich meinen Lehrkräften gefallen konnte und verstand, wie man sich in der Schule gut verhält. Durch die Anpassung und die großartige Unterstützung meiner Eltern kam ich aufs Gymnasium. Heute würde ich mich als klassischen Streber bezeichnen, mittlerweile besuche ich die Oberstufe.
Ich kam klar mit dem Stillsitzen im Klassenraum, dem Reden auf Kommando. Ich konnte mich anpassen. Viele andere konnten und können das nicht.
Schulstress als Norm
Denn Schule hat eben nicht immer etwas mit spaßigen Erfahrungen zu tun. Oft ist sie geprägt von Leistungsdruck. Nichts ist schlimmer als Notenspiegel, die verdeutlichen, um wie viele Ziffern man „schlechter ist“ als die anderen. Bei einer 2020 durchgeführten Umfrage gaben 45% der Schüler*innen an, Schulstress aufgrund von Angst vor Noten zu haben.1 Außerdem kommt es sehr oft auf die Lehrkraft an, wie gut man im Unterricht mitkommt. Das verunsichert zusätzlich. Besondere Talente, die sehr wohl wertvoll für das spätere Berufsleben sind, werden oft einfach nicht beachtet, bei den großen Klassen bleibt nicht die Zeit, auf jede*n einzelne*n Schüler*in einzugehen.

Es macht wütend!
Bis hier hin enttäuscht mich das Bildungssystem. Oft macht es mich aber auch einfach nur wütend. Wie um alles in der Welt lässt es sich pädagogisch rechtfertigen, dass 10-jährige in verschiedenen Schulzweige, also „Güteklassen“ eingeordnet werden, die sehr wohl und maßgeblich etwas mit dem eigenen Zurechtkommen mit Schule zu tun haben? Hauptschüler*innen werden täglich damit konfrontiert, eben nur zum unteren Drittel zu gehören. Motivierend, bestärkend, aufbauend ist das nicht. Daraus, und aus nichts anderem resultiert die Gleichgültigkeit, über die sich so gerne beschwert wird. Wer regelmäßig mehrere Stunden lang physisch unterfordert und psychisch überfordert wird, läuft Gefahr, einen „Boreout“ zu bekommen und muss sich ein Ventil suchen. Und das besteht dann eben nicht aus dem Lernen in der Freizeit, sondern aus Social Media oder im schlimmsten Fall Alkohol und Drogen. Und das ausdrücklich nicht nur in der Hauptschule.
In einer Zeit, in der dringend nach Fachkräften gesucht wird die sich für handwerkliche Tätigkeiten interessieren, braucht es Ermunterung an Schulen, dass die Noten eben nichts mit dem Wert von Menschen und ihren Fähigkeiten zu tun haben. Mal ganz persönlich: ich weiß nicht, ob das Schulsystem mich jetzt besonders einsetzbar für den Arbeitsmarkt gemacht hat. Ich glaube, viele Unternehmen interessiert gerade kein Zellaufbau, keine Gedichtsanalyse und kein Ausklammern. Viel wichtiger ist da doch der Umgang im sozialem Miteinander, Teamfähigkeit, Wissbegierde und Lernmethoden von jungen Menschen. Gerade die Skills, die sich mit Noten eben nicht messen lassen, auf denen sich dann aber praxisnah das Fachwissen aufbauen lässt.
Tun wir was!
Es gäbe noch so viel zum Bildungssystem zu sagen. Klar bleibt, dass ich mit allem, was ich mir hier von der Seele schreibe, nicht allein bin. Unzählige Verbände, Vereine, Organisationen und Oppositionen kämpfen für eine Bildungswende, hunderte Seiten Papier wurde dafür gedruckt, in Büchern, offenen Briefen und Anträgen. Was es jetzt braucht, ist ein Aufschrei derjenigen, die, ob privilegiert oder nicht, jeden Tag die Benachteiligung und Ungerechtigkeit des Rohstoffs Bildung erfahren. Ein Aufschrei der Schüler*innen, ein Aufschrei der Jugendlichen. Also schreie ich.
1 https://www.studienkreis.de/infothek/journal/schulstress/
Bilder: mit Canva selbst erstellt

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